Streit und Klagedrohungen wegen Artikel eines Theologen

Medienstreit: Wenn ein Bischof mit rechtlichen Schritten droht

Veröffentlicht am 09.06.2024 um 12:00 Uhr – Von Mario Trifunovic – Lesedauer: 

Bonn/New York ‐ Ein Artikel des Theologen Massimo Faggioli brachte den prominenten US-Bischof Robert Barron und seine Medienorganisation mit Donald Trump in Verbindung. Das kam gar nicht gut an: Rechtliche Schritte wurden gegen das Magazin angekündigt. Ist damit die Pressefreiheit unter Druck?

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Seit Anfang Mai ist in den USA ein Streit zwischen der katholischen Zeitschrift "Commonweal", die ihr 100-jähriges Bestehen feiert, und der vom prominenten US-Bischof Robert Barron gegründeten Medienorganisation "Word on Fire" entbrannt. Anlass war eine Kolumne des in den USA lehrenden italienischen Theologen und Kirchenhistorikers Massimo Faggioli, in der er Teile des amerikanischen Katholizismus mit dem ehemaligen US-Präsidenten und derzeitigen republikanischen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump in Verbindung brachte. Als Reaktion drohte die Organisation des Bischofs mit rechtlichen Schritten. Doch was genau war geschehen?

Faggiolis Artikel mit dem Titel "Wird der Trumpismus den Katholizismus verschonen?" stellte eine Verbindung zwischen Donald Trump und verschiedenen katholischen Persönlichkeiten her und deutete eine mögliche Verbindung zwischen Trump und Bischof Joseph Strickland an, der nach seinem rebellischen Auftreten und seiner häufigen Kritik am Pontifikat von Papst Franziskus aus seiner Diözese entlassen wurde. Faggioli beschrieb Überschneidungen zwischen Trumps umstrittenem Rechtsnationalismus und dem konservativen Katholizismus, der von Persönlichkeiten wie Strickland und dem ehemaligen Apostolischen Nuntius in den USA, Erzbischof Vigano, vertreten wird. Vor allem Strickland hat Franziskus wiederholt vorgeworfen, mit der Segenserklärung "Fiducia supplicans" schismatisches Gedankengut zu verbreiten. Der ehemalige Oberhirte der kleinen texanischen Diözese Tyler beteiligte sich nach den Präsidentschaftswahlen im Dezember 2020 auch mit einem Gebet per Videobotschaft an einer Demonstration von Trump-Anhängern, die den Wahlsieg von Joe Biden nicht anerkennen wollten.

Kritik am katholischen Kulturestablishment

Faggiolis These stützt sich auf daher auf solche Ereignisse, vor allem aber das "Katholische Gebet für Trump", das am 19. März in Mar-a-Logo stattfand – dem Wohnort des ehemaligen US-Präsidenten. Dort wurde Trump als "einzige katholische Option" dargestellt. Sechs Monate vor den Präsidentschaftswahlen in den USA sprach der Theologe von einem "ahistorischen Fundamentalismus des militanten Katholizismus", der "mit nationalistischen Impulsen vermischt" sei. Dieser tarne sich als Sorge um den "vergessenen einfachen amerikanischen (weißen) Mann". In der ursprünglichen Fassung des Artikels sprach Faggioli von einem "entstehenden katholischen Kulturestablishment" in den Vereinigten Staaten, das von intellektuellen Persönlichkeiten des traditionellen, apologetischen Katholizismus dominiert werde. Diese, so Faggioli, seien zwar theologisch gebildet, aber der Moderne gegenüber feindlich eingestellt und stünden mit einer solchen Sichtweise "auf der Seite Trumps".

Joseph E. Strickland, Bischof von Tyler, Texas, spricht während der Herbstvollversammlung der US-Konferenz der katholischen Bischöfe in Baltimore (USA) am 11. November 2019.
Bild: ©Bob Roller/CNS photo/KNA

Faggioli beschrieb Überschneidungen zwischen Trumps umstrittenem Rechtsnationalismus und dem konservativen Katholizismus, der von Persönlichkeiten wie Strickland vertreten wird.

Faggioli bezog sich dabei laut einem Bericht des "National Catholic Reporter" auf die neue theologische Zeitschrift der Barron-Mediengruppe mit dem Titel "The New Ressourcement". Unter konservativen Katholiken, so Faggioli, gebe es "keinen Mangel an akademischen und intellektuellen Initiativen, mit verschiedenen Bezügen zum Trumpismus", die aber "alle auf Orthodoxie bedacht sind". Von katholischer Seite musste sich Barron wiederholt Kritik gefallen lassen, vor allem aufgrund seiner Zusammenarbeit mit rechtsgerichteten Denkern und Influencern. Darunter fallen Namen wie Ben Shapiro, ehemaliger Redakteur des rechten Internetportals "Breitbart News" und der Psychologe, YouTube-Influencer und Autor von Selbsthilfe-Büchern Jordan Peterson.

Im Laufe der vergangenen Jahre reagierte Barron auf seine Kritiker, indem er Einladungen zu Veranstaltungen von Konzernen wie Google, Amazon oder Facebook annahm, um die Kritik zu entkräften, er habe es nur mit "konservativen Kulturkriegern" zu tun. Ende Januar dieses Jahres war der Oberhirte jedoch erneut bei Peterson zu Gast, um über den Irrtum der Selbstvergötterung zu diskutieren. Zuletzt veröffentlichte Barron allerdings einen Gastbeitrag auf dem Internetportal des Fernsehsenders "CNN", in dem er den Talkshow-Moderator und Komiker Bill Maher dafür lobte, dass er nicht mehr die Religionen, insbesondere den Katholizismus, kritisiere, sondern "wokes"-Denken. Deshalb sehe er in Maher einen "unwahrscheinlichen Verbündeten" in den anhaltenden und erbitterten Kulturkämpfen.

Zwei Unterlassungsschreiben an die Herausgeber

Gegenüber dem katholischen Portal "National Catholic Reporter" berichteten die Herausgeber des "Commonweal Magazine", dass die Medienorganisation des Bischofs einen "Unterlassungsbrief" an Faggioli geschickt habe. Nach Rücksprache habe man sich für die Variante entschieden, den "umstrittenen" Absatz zurückzuziehen. In der Notiz der Herausgeber heißt es: "Mit der Erlaubnis des Autors haben die Herausgeber einen Absatz entfernt, der ursprünglich hier erschien, weil das Medienbüro von Bischof Robert Barron, Word on Fire, uns mitgeteilt hat, dass sie es als Verleumdung ansehen, in irgendeiner Weise mit Donald Trump und dem Trumpismus in Verbindung gebracht zu werden." Doch auch das reichte dem Bischof von Winona-Rochester in Minnesota offenbar nicht aus: In einem zweiten Unterlassungsschreiben wandte sich "Word on Fire" noch entschiedener gegen die Notiz der Herausgeber. Erneut wurde der Unzufriedenheit darüber Ausdruck verliehen, in irgendeiner Weise mit Donald Trump in Verbindung gebracht zu werden. Wiederholt wurde mit rechtlichen Schritten gegen "Commonweal" gedroht, und sowohl der Artikel als auch die Anmerkung der Redaktion wurden weiterhin als "verleumderisch und diffamierend" bezeichnet.

Bischof Robert Barron, Weihbischof im Erzbistum Los Angeles
Bild: ©Word on Fire

Von katholischer Seite musste sich Barron wiederholt Kritik gefallen lassen, vor allem aufgrund seiner Zusammenarbeit mit rechtsgerichteten Denkern und Influencern.

Die Redaktion reagierte mit einem Artikel unter dem Titel "Silencing the press". Darin zeigte sich die Redaktion überrascht von Barrons Vorgehen: "Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens müssen mit journalistischer Kritik rechnen, eben weil sie Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens sind. Dazu gehören auch diejenigen, die ihren Glauben in die Öffentlichkeit tragen." Es sei ihr gutes Recht, sich über Kritik zu beschweren, aber sie seien davon nicht ausgenommen. "Sie genießen keinen besonderen Schutz vor Meinungen über ihre Absichten, ihre Äußerungen oder die politische Gesellschaft, in der sie leben. Außerdem hat niemand Anspruch auf Ehrerbietung oder Sonderbehandlung, nur weil er aus einer Position religiöser Autorität spricht", heißt es. Und weiter: "Das schließt amerikanische Bischöfe ein, auch oder gerade jene, die durch Interviews, soziale Medien und populäre Mediendienste eine weithin sichtbare öffentliche Präsenz aufrechterhalten." Die Redaktion betont, dass man sich auch anders hätte einigen können. Ein Brief wäre "ein offensichtlicher Anfang gewesen, wenn Word on Fire der Meinung ist, dass wir und Faggioli eine brüderliche Zurechtweisung brauchen". Ein Brief hätte auch zu einem aufbauenden oder zumindest klärenden Austausch geführt und Word on Fire davor bewahrt, "als eine weitere gut finanzierte Organisation wahrgenommen zu werden, die ihre Kritiker durch Gerichtsverfahren zum Schweigen bringen will".

Debattenkultur leidet am meisten

Zwei Wochen nach diesem Disput nahm Barron Mitte Mai an einer Podiumsdiskussion mit Kardinal Robert McElroy von San Diego und Bischof Daniel Flores von Brownsville, Texas, teil – beide "Commonweal"-Autoren. Dort sprach Barron über den Wert produktiver Meinungsverschiedenheiten und eines "lebendigen und intelligenten Dialogs". Dabei kritisierte er, dass sich Katholiken "gegenseitig an die Gurgel gehen". Diese mangelnde oder gar nicht sichtbare Debattenkultur wurde auch von mehreren katholischen Persönlichkeiten kritisiert, darunter der US-amerikanischen Theologin Phyllis Zagano. Sie bezeichnete das Verhalten von Bischof Barron als "katholisches Mobbing", das an Schulhofkämpfe erinnere. In einem Gastbeitrag für den "National Catholic Reporter" schrieb sie, das Mobbing einer 100 Jahre alten liberalen katholischen Meinungszeitschrift unterstreiche Barrons konservative Neigung. Dieser rieche nach jenem "Konservatismus", den Papst Franziskus kürzlich in einem Interview mit dem US-Fernsehsender CBS als "selbstmörderische Haltung" bezeichnet habe. Zagano ist der Ansicht, dass Bischöfe, die so denken, dem Glauben der Katholiken schaden, weil sie nicht in der Lage sind, "über den Tellerrand hinauszuschauen". Es sei zwar gut, dass Barron und seine Organisation sich vom Trumpismus distanzierten, da viele ihrer Anhänger immer noch glaubten, Trump sei in Ordnung. Aber Mobbing sei der falsche Weg.

Ein weiterer Kritikpunkt in den katholischen Medien war, dass die Unterlassungserklärung Barron "wie einen Tyrannen aussehen" lasse, der mit seiner Organisation einschüchtern wolle. Die Debattenkultur leide, da eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens auf einen solchen Artikel, mit dem sie nicht einverstanden sei, eine Antwort verfassen könne. Das wäre die Art der Auseinandersetzung und Diskussion, die die Debattenkultur voranbringe. Ob der Medienstreit zwischen dem Theologen Faggioli und Bischof Barron ein Nachspiel haben wird, ist noch offen. Was die juristische Seite betrifft, so sind sich verschiedene Juristen in katholischen Medien einig: Barrons Medienorganisation dürfte Schwierigkeiten haben, einen konkreten Schaden zu benennen, der dem Bischof oder seiner Organisation zugefügt worden sein soll. Der größte Schaden dürfte aber ohnehin der Debattenkultur in der katholischen Kirche in den USA entstanden sein.

Von Mario Trifunovic